Mörderische Profile – Über Stephan Harborts Bücher

“Opfer (das): n einer kultischen Handlung vollzogene Hingabe von jemandem”
– Zitat aus einem Wörterbuch –

Der Film “Das Schweigen der Lämmer” im Jahr 1991 hat dazu geführt, dass in vielen Ländern der Erde Frauen und Männer eine Bewerbung an die Polizei geschickt haben, nicht um Polizistin bzw. Polizist zu werden. sondern um Profiler zu werden- Es ging also allein um Hannibal Lecter, dem man begegnen wollte. Nicht unbedingt dessen Darsteller, aber doch wenigstens seiner Figur.
Einige Jahre später startete im US-amerikanischen Fernsehen eine über die einzelnen kriminalistischen Abteilungen, die für einen Mordfal individuell erforderlich sind. In jeder dieser Folgen kommentieren auch deutsche Experten den gezeigten Hergang. Ermittelt werden dann zum Beispiel Brandspuren, ballistische Spuren, oder auch psychologische Profile. “Stephan Hatbort – Kriminalist und Autor” wird er oft im Untertitel beschrieben. Er ist häufig zu sehen, wenn jemand mehrere aufeinander folgende Taten im selben Tathergang begangen hat, also mit immer wiederkehrendem Verhaltensmuster (lat.: modus operandi). Gemeint sind also Täter, die beispielsweise Frauen gestalked, sie vergewaltigt, ihnen Wunden zugefügt und Haare oder Kleidung als Trophäen mitgenommen haben.
Dass Harbort expertiert wurde, ist nicht von Ungefähr. Im Jahr 1964 in Düsseldorf geboren hat er nach dem Abitur bei der Polizei eingeschrieben und dort BWL, was er 1993 mit dem Staatsexamen abschgeschlossen hat. Weil ihm die alltägliche Polizeiarbeit mit der Zeit zu langweilig geworden ist, hat er nach einer Nische gesucht, in der sich noch niemand vorgewagt hat. Bis heute hat er etwa 30.000 Seiten an Polizeiberichten, Briefe von Serienmördern, forensischen Gutachten, Gerichtsurteilen gelesen, und den Begriff “Serienmord” auch international mitgeprägt.

Harbort hat die Tathergänge in der Sendung so plausibel erklärt, dass man annehmen könnte, das Profiling sei doch etwas, was Jedermann könne – also gar nichts, was man gar nicht erst erlernen oder studieren müsse.
Das Hannibal-Syndrom war mein erstes seiner Bücher. In den ersten Seiten glaubte ich noch, die Filmfigur erkennen zu können. Einerseits war ich etwas enttäuscht, weil meine Vermutung nicht stimmte, andererseits aber war ich neugierig geworden, neues Terrain zu betreten. Entweder man steigt vorzeitig wieder aus, also klappt das Buch zu – dann aber ist man genauso schlau wie vorher auch. Liest man aber weiter, besteht die Gefahr, dass man etwas lesen muss, was man im Nachhinein nicht lesen wollte.

In Berichten Medien von einem grausamen Verbrechen heißt es manchmal “Der Täter hat alle Opfer über längere Zeit gefoltert und zu Tode gequält”, “Er soll bereits früher Tiere gequält haben” oder “Er stand schon länger im Focus der Ermittler” oder “Er befand sich schon einmal in einer psychiatrischen Einrichtung.” “Wer verdammt tut sowas?”, fragen wir uns. Aber möchten wir es wirklich wissen? Derartige Meldungen stoßen bei vielen Menschen auf Empörung. Man ist sich aufgrund eigener Menschenkenntnis (nd manche auch aufgrund eigener Lebenserfahrungen) ziemlich sicher, über den Täter urteilen zu können. Wenn es dann auch noch heißt “Der Täter hatte eine traurige Kindheit” fällt bei vielen der Deckel. “Jeder hat doch sein Päckchen zu tragen. Soll ich mal anfangen” Bis dato ist oft überhaupt nichts darüber bekannt, weshalb der Täter ausgerechnet diese Person als sein Opfer auserweählt hat. Wieso die geschädigte Person dem Täter überhaupt vertraut hat, und auf welche Art sie ihm vertraut hat. Hat er sie mit Schlägen oder mit Drogen gefügig gemacht? Oder hat sie sich ihm etwa freiweillig hingegeben?
Wenn dann auch noch zu lesen ist, dass der Täter und das Opfer gemeinsam Sex-Parties gefeiert haben, dann sind viele enttäuscht. “Ach so!”…, heißt es dann, “Dann hat sie es doch gewollt!”. Es gibt Situationen, die man erst einschätzen kann, wenn man sie selbst erlebt hat. Beurteilen kann man nie, denn jeder Mensch empfindet anders, obwohl dasselbe erlebt.

Niemand ist daran Schuld, gefoltert und malträtiert zu werden. Niemand gehört irgendwem – per Gesetz nicht, und moralisch auch nicht. Sogenannte mündlich oder schriftlich vereinbarte “Sklavenverträge”, wovon im Internet immer wieder zu lesen ist, verstoßen rechtlich gegen die guten Sitten. Bei uns sind Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit die höchsten Rechtsgüter. Danach folgen Ehre und Eigentum.

Wieso eigentlich immer der Klassiker, in dem ein Mann einer Frau etwas antut? Sind Frauen etwa zum Töten nicht imstande? Sind Frauen zum Foltern nicht imstande? Was ist mit den Fällen, in denen Frauen foltern und töten, psychisch wie physisch? Dass Frauen eher die “Giftmischerin” sind und Männer eine vermehrte körperliche Gewalt aufweisen, ist wohl der Klassiker schlechthin. Ausnahmen gibt es immer und überall.

Im Dunkeln ist es nur solange dunkel, bis jemand das Licht anmacht – genau das tut Harbort. In seinem mehr als 20 Büchern, Hausarbeiten und Referaten nimmt er uns mit, auf die Reise in die Seele von Serienmördern und in die Seele der Geschädigten, aber auch in die Gedanken der Profiler. Er zitiert aus den Briefen und all den ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen. Nicht alles, aber das, was da steht, ist so gesagt oder geschrieben worden. Alles andere wäre Augenwischerei. Namen verfremdet er, denn es geht ihm um das mörderische Profil, und wie es zu den Taten kommen konnte. Gleiches gilt für das Ansehen der Geschädigten und ihren Angehörigen. Er beschreibt die Tatorte, das erlaubt ihm die künstlerische Freiheit. Die Fälle, die er erläutert, sind alle real gewesen.
In manchen der etwa ein Dutzend Kriminalsendungen, in denen er inzwischen Gastredner und Profiler gewesen ist, hat er auch ausschließlich mit den zurückgebliebenen Gefährtinnen von Serienmördern gesprochen. Was vermag wohl eine Frau zu denken und zu fühlen, wenn der Mann, den sie einst geliebt, und mit dem sie über Jahre Haus, Hof, und Tisch und Bett geteilt hat, andere Menschen zu Tode gequält hat? Wie erträgt man die teils überflüssigen Bemerkungen von außen und auch aus den einst nahen Umfeld, wie etwa “Das hätte ich dir vor 20 Jahren sagen können. Aber du warst ja blind!” Und wieso eigentlich kann ein Mensch so blind sein? Wo hätte man bzw. Frau etwas merken können oder müssen?

Ein Psychopath besitzt insofern Einfühlungsvermögen, als dass er sich gedanklich in seine Opfer heinversetzen kann, um deren Vertrauen zu erschleichen, um ihnen zu Zeitpunkten, die er bestimmt, weh tun und sie ggf. töten kann. Empathie, das emotionale Verständnis, sucht man bei den meisten Psychopathen vergebens – es fehlt der Nutzen. Es gibt Psychopathen, denen man sogar als angenehme, flüchtige Bekanntschaft während eines Kneipenbesuchs begegnet. Manche Psychopathen sind auch in Führungsetwagen namhafter Firmen zu finden. Ein Soziopath besitzt noch nicht einmal diese Gabe. Ihm ist es egal, was sein Opfer, die geschädigte Person, empfindet.
Auch wir, wenn wir etwas neues hören, suchen nach etwas vergleichbarem, und wie auch wir auf Erfolgserlebnisse stolz sind und irgendwann der graue Alltag einkehrt, sind auch Serienmölrder gedanklich wie emotional stolz auf ihre außergewöhnlichen Taten. Nur mit dem bitteren Nachgeschmack, dass Mörder und Serienmörder ihre Taten nicht mit anderen teilen können. Und dennoch suchen viele Serienmörder ein offenes Ohr, in der Hoffnung auf Verständnid. Das habe ich Harborts Büchern entnommen.

Killerfrauen oder Der klare Blick heißen die Bücher, die ich bisher gelesen und rezensiert habe, Ich musste sie kaputt machen war für mich das bisher emotional schwierigste. Darin geht es um einen Mann, der in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, mit seinen Eltern und seinen 5 Geschwistern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Er, Joachim Kroll, wurde stets klein gehalten, von seinen Eltern und seinen Geschwistern ausgelacht, als Versager betitelt. Sexualität war für ihn insofern selbstverständlich, dass man nicht darüber redet, sondern “es” einfach macht – aufgeklärt wurde er ja nie. Kurzum: er ging früh von zu Hause weg, fand auch als Erwachsener immer nur Arbeiten als Helfer, hatte bei Mädels und Frauen ebenso wenig Erfolg, büchste oft aus, war viel auf der Flucht, und sein jüngstes und sein ältestes Opfer waren fünf und 64 Jahre alt. Es sollte die Leserinnen und Leser ermutigen, dass auch die Ermittler trotz Teamarbeiten zwischen den Interviews Atempausen benötigten.
Meine Rezensionen von Harborts Büchern in meinem Account in lovelybooks.de. Blut schweigt niemals wird mein nächstes Buch zum Rezensieren sein, dafür habe ich kürzlich Harborts gleichnamige Lesung besucht. Eventuell werde ich nach dem übernächsten Buch eine Art “Jubiäumsrezension” bekannt geben, also eine Rezension für mehrere Bücher gleichzeitig.

Harborts Bücher sind unter anderem in Amazon erhältlich. Seine Webseite lautet www.der-serienmoerder.de.

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Lesung “Blut schweigt niemals” mit Stephan Harbort.

Viele unter denjenigen, die ihn kennen, kennen ihn aus Fernsehsendungen für Kriminalistik. Eine diesr Sendungen stammt (wie viele andere dieser Art) aus den USA, wurde dort von den 1990er Jahten bis 2007 gedreht, und noch heute werden alle 145 Folgen im deutschen Fernsehen wiederholt.
Stephan Harbort zählt dort zu den Expertenanfragen aus Deutschland, wenn es um das Ermitteln von Täterprofilen geht. Spricht man ihn auf diese Sendungen an, in denen er um die Jahrtausendwende gedreht wurden – kommentiert er dies manchmal mit “Ach ja: das Gartenhemd besitze ich immer noch.” Im Ernst: er ist während seiner Lesungen erfahren und professionell, dementsprechend auch sachlich, aber auch humorvoll und einfühlsam.
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Mord(s)themen über uns alle

Wird beispielsweise auf jemand mit einem Messer zig-fach eingestochen, sodass die geschädigte Person verblutet, fällt es uns schwer, zu glauben, dass es nicht mindestens versuchter Mord gewesen sein soll. Straftaten dieser Art sind aber in der Realität auch schon als Totschlag verhandelt worden. Abgewogen wird unter anderem auch, ob die Täterin oder der Täter in den privaten Wohnbereich der geschädigten Person eingebrochen ist, ob sie bzw. er eventuell alles akribisch geplant und sich bereits vor der Tat Zugang verschafft hat, zum Beispiel mittels eines Schlüssels.
Würde die Täterin bzw. der Täter ihre/seine Tat mit „Ich hab`s ja nur gut gemeint“ rechtfertigen wollen, müsste die darauf folgende Frage „Mit wem?“ lauten. Schon alleine, dass die Aussage mit “Ich…“ beginnt, lässt darauf vermuten, dass die Person, die die Tat ausgeübt hat entweder im eigenen Interesse gehandelt hat oder zu wissen glaubte, was für die andere Person gut ist und was nicht.

Die Definition des Paragraph 211 nach deutschem Strafgesetzbuch lautet folgendermaßen:

(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Mörder ist, wer
aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen,
heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
einen Menschen tötet.

Originaltext aus: https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__211.html

Unter “…, niedrigen Beweggründen“, womit sprichwörtlich “die unterste Schublade“ gemeint ist, die sich auf die Bedürfnis-Pyramide nach Maslow oder auch “Maslow-Pyramide“ bezieht. Gemeint sind demnach Schlafen, Essen, Trinken, Sex… (siehe “Geschlechtstrieb“).
Weiter “heimtückisch“, “grausam“, “oder mit gemeingefährlichen Mitteln“. Wir sind uns sicher darüber einig, dass eine Person, die aufgrund mehrerer Stiche verblutet, möglicherweise auf grausame Weise getötet wurde, “elendig verreckt“, würde man im Volksmund sagen. Was aber, wenn die Täterin bzw. der Täter die Tat im berauschten Zustand ausgeübt hat oder unzurechnungsfähig gewesen ist? Als Unzurechnungsfähigkeit werden Alkoholgehalt im Blut von mindestens 3 Promille oder auch seelische oder geistige Unzurechnungsfähigkeit bezeichnet, etwa wenn die Täterin oder der Täter zum Zeitpunkt auch vor- und nach der Tat zwar nach dem Gesetz erwachsen ist, aber Ansichten eines Kindes vertritt.

Der Paragraph 211 des deutschen Strafgesetzbuches ist nur einer von mehreren Dutzend, die ein Verbrechen definieren – also Taten mit Strafmaß nicht unter 1 Jahr für Verbrechen, Vergehen werden übrigens mit Freiheitstrafe “mit Mindeststrafe weniger als 1 Jahr oder Geldstrafe“ geahndet.

 

Die Schutzpolizei erscheint zum Beispiel auch, wenn Gefahr in Verzug ist. Alle Beamtinnen und Beamte der Schutzpolizei sind entsprechend geschult worden, um auch “zwischen den Zeilen“ sozusagen heraushören zu können, ob die anrufende Person, die sich am Telefon die geschädigte Person ausgibt, diese auch tatsächlich ist und aus Angst etwas für sich behält.
In vielen Krimis gibt es ohne Mord keine Leiche, so viel zum Klischee. Im realen Leben kommt die KriPo zum Beispiel auch bei versuchtem Totschlag – dieser könnte sich immerhin im Laufe der Ermittlungen als versuchter Mord oder Mord herausstellen.

Weshalb interessieren wir uns eigentlich für die Arbeiten der Polizei und der Justiz? Genügt es uns, wenn wir als Fernsehzuschauer auf eine Reise mitgenommen werden, und dabei uns mehr gezeigt wird, als den Fernseh-Kommissaren? Oder möchten wir tatsächlich das Gefühl bekommen, schlauer als die Polizei zu sein, ähnlich wie beim Fußball: „Den hätte ich schon reingeschossen, als ich noch Kind war!“. In Wahrheit würden es die meisten von uns keine 10 Minuten lang mit einem Profi-Fußballer aufnehmen können.

Und was ist mit dem Täterprofil, während wir Krimis lesen oder schauen? Sind sich die meisten von uns denn nicht sicher, den wahren Täter zu kennen, sofern wir nicht auf die Uhr schauen? Verlassen wir uns dabei unsere Wahrnehmung oder orientieren wir uns nach dem, was wir kennen? Viele Serienmörder jedenfalls folgen einem immer währenden Muster, und dabei verarbeiten die meisten etwas Bestimmtes aus deren Vergangenheit. Zum Beispiel hat ein Mann zwischen den Jahren 2010 und 2912 in Köln mehrere Frauen getötet, deren Haare blond gewesen sind. Für uns Außenstehende vermag es kurios vorkommen, so als würde man nach einer negativen Frau namens “XY“ Frauen töten, die denselben Vornamen tragen. Aber so war es nicht, und es war vor allem SEIN MOTIV, seine Rechtfertigung, nach seinem Verständnis: seine Mutter hatte blondes Kopfhaar, und sie war alleinerziehend und hatte regelmäßig Männerbesuch, wobei er mit seinen Belangen und vor allem mit seiner Persönlichkeit als Kind außen vor gelassen wurde.

Was macht einen Täter eigentlich aus? Was macht einen überhaupt zum Täter, ob nun zum Sexualtäter oder zum Gewalttäter, oder beides?
„In jedem von uns steckt immer noch ein Tier“, sagen viele. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte war der sogenannte “Brudermord“, der sich auf die Bibel bezieht, weil Kain seinen Bruder Abel im Streit ermordete, er hatte den Tod seines Bruders missbilligend in Kauf genommen, er hat auf ihn eingeschlagen, es war ihm egal, ob er dabei sterben würde. Hoppla! Ist Töten also etwas menschliches? Jedenfalls sind seither Neid, Habgier und Eifersucht die ältesten Mordmotive der Menschheit.
“Du sollst nicht töten“, “Du sollst nicht lügen“, “Du sollst nicht stehlen“, “Du sollst nicht ehebrechen“, “Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib“…, ist ja gut, die Hälfte aller Gebote sind beisammen, die kennen wir auch alle. Zumindest haben die fast alle von uns schon mal gehört, manche von uns im Kindergarten, manche von uns in der Schule, manche von uns erst im späteren Schulleben, manche anscheinend gar nicht. Ohne einen auf Pfarrer zu machen: warum wird dann getötet und gemordet, wo doch die meisten von uns die 10 Gebote kennen?
Das Brechen von Regeln ist sowas wie eine Kehrseite in uns, auch das Böse reizt uns, womit wir eigentlich schon wieder bei der Bibel wären, man denke an Adam und Eva im Paradies, als die Schlange Eva bekehrte, den vergifteten Apfel zu essen.

Sind wir doch mal ehrlich: wir wollen belogen werden. Dem meisten von uns geht es lediglich um die Befriedigung unserer Neugier und unserer Sensationslust: Tür aufmachen, mal kurz riechen und gaffen, wenn es uns aber aus irgendeinem Grund zu heikel, zu ekelhaft oder zu hässlich wird, schnell still und heimlich verdrücken. Ohne vielleicht auch nicht mal die Tür von außen wieder schließen. Mit der Einstellung möchten Hobby-Psychologen Täter behandeln? Am besten erst gar nicht lange damit aufhalten, um als außenstehende Person zu bestrafen, aber gleichzeitig sich selber zu schützen, oder? Genau diesem Verhalten sind viele Gewalt- und Sexualverbrecher bereits in ihrer Kindheit begegnet, und genau dieses Verhalten hat sie doch erst zu Tätern werden lassen.

Um ein Beispiel als Grund für eine Täterschaft stellen wir uns die Kindheit eines jeden Menschen in Zahlen, Statistiken vor (es könnte Ekel entstehen).

Beginnen wir mit dem Säuglingsalter, das bis zum Ende des ersten vollendeten Lebensjahres entsteht. Ab dann beginnt das Kleinkindalter, das in der Regel bis Ende des fünften Lebensjahres, ab dann beginnt die Kindheit, die widerum bis zur Pubertät dauert, bei Jungen ist das in etwa ab Beginn des 13. Lebensjahres, ab dann wiederum beginnt das Zeitalter des Heranwachsenden.
Viele Erwachsene (meist kinderlos?) scheinen die einzelnen Phasen nicht mehr wahrzunehmen. „Na und? Sitze ich mit einer Arschbacke ab“, sagen jedenfalls manche. Je älter man wird, desto häufiger rechnen manche Erwachsene nur noch in 10er-Schritten – dass der Unterschied zwischen 50 und 40 Lebensjahren nicht mehr so groß wie der zwischen 20 und 30, leuchtet ein. Das Ratio von vielen Erwachsenen ähnelt sich jedoch mit dem Ratio eines Kindes, nämlich in der Wahrnehmung, also auch im Vorstellungsvermögen: sowohl Kleinkinder, Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene denken – salopp ausgedrückt – in 100 Prozent, nach dem Motto “Meine Lebensjahre sind hundert Prozent“. Wenn also einem Kind (hier nach unserer Darstellung 6-14 Jahre) drei Jahre lang im näheren Umfeld etwas Unmenschliches widerfahren ist, dann sind das hier in unserem Beispiel genau 37,5 Prozent, die diesem Kind von seiner Kindheit fehlen, weil es in seiner Entwicklung gestört worden ist.
Stellen wir uns nun die körperliche und geistige Entwicklung mit all ihren Phasen bildlich in Form von zwei Papierhäusern vor (dient dem Zweck). Für das erste Haus erstellen wir ein Fundament in beliebiger Größe (Säuglingsalter, 1 Jahr), dieses Fundament erstellen wir wie gewohnt im Erdboden. Wir bauen darauf mittig stehend 2 Zimmer (Kleinkindalter). Darauf stellen wir mittig stehend acht kleinere Zimmer (die Kindheit), und darüber dann die kürzere Zeit des Heranwachsens. Das andere Haus bauen wir, wie wir es kennen, mit einem Fundament, und darauf alle Stockwerke in gleicher Breite und gleicher Höhe, wobei die Raumaufteilung getrost variieren kann.

Wozu ein Beispiel dieser Art? Bei diesem Profil geht es nicht – wie man annehmen könnte – um ein Kind, an welchem sich ein fiktiver Täter vergangen hat, sondern um das Profil eines Täters, um das, was ihn zum Täter gemacht haben könnte. Nicht jeder Mensch, der traumatisches erlebt hat, wird automatisch zum Täter, jedenfalls nicht, wenn Fachmenschen frühzeitig Entwicklungsstörungen feststellen und sowohl menschlich als auch mit fachlichem Wissen bestmöglich gegensteuern, ohne die Entwicklung weiterhin aufzuhalten. Deshalb auch die bildliche Darstellung in Form von zwei Häusern: die erste Variante wäre die “ungesunde“ Variante, die zweite wäre “gesund“ oder sagen wir als Laien “normal aufwachsend“. Dass es auch darüber unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten gibt, ist auch klar, ginge aber hier an dieser Stelle viel zu weit in die Tiefe.

Vollkommen nachvollziehbar, dass obiges Beispiel schon alleine wegen des Wortes “Kind“ im Zusammenhang mit “Täter“ so mancher Leserin bzw. manchem Leser an die Nieren gegangen ist. Ein Buch kann man zuklappen, einen Text kann man zerreißen, das Fernsehprogramm kann man umschalten oder den Fernseher ausmachen. Ein Tatort ist nur das Objektive, ab da fängt die eigentliche Arbeit erst an, und was früher die Romanfigur Sherlock Holmes mit seinem Assistenten Watson, gemeinsam, aber nur zu zweit, erledigt hat, spaltet sich heute in verschiedene Bereiche, wie die Kriminaltechnik, Kriminalwissenschaften, Kriminalistik, Kriminalpsychologie, und etliche andere Unterbereiche.
Kriminalisten wie die von der Kriminalpolizei, und Fall-Analytiker, also Profiler, sind diejenigen, die sich als erstes mit der Psyche des Täters befassen, sofern sie für die Mordkommission tätig sind. Selbstverständlich können auch der erfahrenste Polizeibeamte und auch der erfahrenste Psychologe “nur“ von dem ausgehen, was sie aus zig Fachbüchern gelernt und selbst erlebt haben: auch sie können einem Menschen nur vor den Kopf schauen, dabei also auch Fehlentscheidungen treffen. Und, wie es so oft der Fall ist, wenn man den gesamten Teppich ausrollt: erst dann sieht man selbst beim dreckigsten Teppich noch ein paar saubere Flecken.
Um in diesem Zusammenhang nochmal mögliche Täterschaft anzusprechen, gibt es auch Menschen, die während ihrer so wichtigen Jahre in der Entwicklung gelernt haben, Manipulation gegen andere als Waffe und vor allem für eigene Zwecke einzusetzen (erinnern wir uns oben an die Rechtsdefinition des §211 StgGB), Menschen mit dieser Eigenschaft definiert man als Psychopathen. Der Soziopath empfindet nichts, während er seine Opfer schändet.
Was Menschen, Tiere und Sachen im Sinne des Gesetzes sind, ist in unseren Gesetzestexten nachzulesen. Auch Psychopathen und Soziopathen lassen sich nicht anhand eines einzigen Satzes definieren, auch darüber sind dutzende Fachbücher geschrieben worden. Menschlich gesehen sind es Menschen – kein Zweifel, dass diese Art von Mensch in der Gesellschaft nichts mehr zu suchen hat. Und dennoch sind es Menschen.

Es sind also auch jede Menge Themen und jede Menge individuelle Menschen, die es wert sind, über sie zu schreiben.

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