Selfpublishing – sich selber zu kitzeln ist schwer

Ist man Autorin bzw. Autor, wenn man alle 25 Jahre einen Roman schreibt, der zum Bestseller wird und vielleicht sogar den Nobelpreis einbringt? Stellt sich die nachfolgende Frage: kann man sich 25 Jahre lang mit den Erlösen des letzten Buches über Wasser halten?
Meist sind es Außenstehende, Branchenfremde, die der Ansicht sind, dass man als Autorin bzw. als Autor Millionen verdient und sich auf den Lorbeeren ausruhen könnte bzw. dass man nur noch schreibt, weil man entweder gerne schreibt oder “den Hals nicht voll genug bekommt.“

Die Realität vieler Autorinnen und Autoren sieht so aus, dass sie ihren Lebensunterhalt in einem “Brotjob“ verdienen (müssen). Zwar haben manche bereits ein-, oder zwei Bücher oder mehr bei einem Verlag veröffentlicht. Allerdings sind diese Bücher so teuer, dass kaum jemand den Preis für einen Debütroman bezahlen möchte. Somit wird das Buch zum Ladenhüter und dieser Verlag greift künftig auf andere Autorinnen und Autoren zurück.
Manche tapferen Schreiberlinge schreiben tatsächlich seit vielen Jahren Internetpostings, in der Hoffnung, dass ein Verlag darauf aufmerksam wird: sie verkünden uns ihre Gedankenwelt, sie posten während Fernsehsendungen, in denen öffentlich gefahndet wird. Mindestens 10 Beiträge, wissen zu dem jeweiligen Fall nichts zu sagen, aber die Frisur des Moderators sieht einfach Scheiße aus. Und dann ruft (na klar!) irgendwann ein Fernsehsender an und bietet die Moderation einer Satiresendung an. Das scheint die Version zu sein, wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer die Fernsehwelt wahrnehmen: in einem Zeitalter, in dem man als Virus…, ähm, Entschuldigung, als Influencer sein Geld verdient und innerhalb kürzester Zeit ins Fernsehen kommt. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass man schneller raus sein kann, als man drin war.
Das Wörtchen “Verfilmung“ definiert ja, dass man eine gewisse Handlung darstellen möchte, die vielleicht sogar auf ein bereits existierendes Schriftstück bezogen ist. Der Baum der literarischen Welt besitzt ebenso viele Zweige und Äste wie das Verfilmen, wobei die Verfilmung Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, während bereits bei den Neandertalern in Stein gemeißelt wurde.
Die Anzahl der Genres (Abteilungen) der Literatur ist so vielseitig wie die Autorinnen und Autoren: viele Werke sind Erzählungen, in den die Sätze ausgeschmückt worden sind, um etwas rein in Textform bildlich darzustellen. Sach- und Fachbücher dagegen stellen oft etwas in graphischer Form dar, ihre Inhalte beruhen rein auf mathematischen Gleichungen und anderen Fakten.
Ohne zu pauschalisieren und ohne jemandem zu nahe zu treten: häufig sind die jeweiligen Autorinnen und Autoren so gestrickt, wie ihre Texte. Das soll nicht bedeuten, dass irgendwer über “weniger Grips“ als andere verfügt. Sondern diese Aussage beinhaltet, dass man manchmal auch aneinander vorbeiredet, obwohl man im selben Boot sitzt.

Selbst verständlich wundert man sich, wenn man über Jahre “mit ernsten Absichten“ (Zitat aus Fernsehwerbespot) schreibt und schreibt, und “nichts dabei rumkommt“, während andere ein einziges Buch bei einem Verlag bewerben, und das dann direkt in der Bestsellerliste erscheint. Diese Ansicht ist jedoch objektiv und oberflächlich: schaut man genauer hin, sieht man, dass die Autorin/der Autor aus der Bestsellerliste nicht gleich auf Anhieb Erfolg hat. Viele haben Abitur gemacht, darauf folgte zum Beispiel ein freiwilliges Soziales Jahr im Ausland und eine Tätigkeit als Volontär*in, und sind über Jahre neben des Studiums der Germanistik irgendwo als Redakteur*in unterwegs gewesen.

Hat man etwas aus tiefstem Herzen geschrieben, vielleicht zum größten Teil auch persönlich, hängt meist so viel Herzblut drin, dass man nicht verletzt werden möchte. Was macht man, um sich zu schützen? Man bietet das Werk Personen aus dem nahestehenden Umfeld an. „Du kannst mir ja mal was zukommen lassen.“ – das klingt zwar im ersten Augenblick toll, ist aber genau das, was wir bei diesen lästigen Telefonanrufen auch sagen. Und warum reagieren wir genauso? Weil wir eine höfliche Absage erteilen möchten. Dasselbe tun nahestehende Personen auch – zumal die unsere verletzlichen Seiten kennen. Manchmal ist man von so viel vermeintlichem “Lob“ angetan, dass man davon ausgeht, dass die Verlage nur auf das Manuskript gewartet haben. Die häufigsten Resonanzen der Verlage sind allerdings – wie das Verhalten vieler Unternehmen in gewöhnlichen Berufszweigen auch – mehr als ernüchternd: manche reagieren gar nicht, manche werfen einem eine halbherzig geschriebene Absage zu, manch andere versuchen, mit einer ausführlichen Absage neugierig zu machen und bieten am Ende ein kostenpflichtige Korrektur und kostenpflichtiges Lektorat an. Und wieder andere versuchen einen zu locken, in dem Sie im Falle der finanziellen Selbstbeteiligung zusichern, das Buch zu verlegen, und versuchen zusätzlich, mit Berechtigungen für rabattierte Eintritte an Fachbesuchertagen bei Buchmessen zu locken (der erste Besuchertag einer jeden Buchmesse ist eben nur für das Fachpublikum, dort kann man durchaus prominente Schriftsteller*innen kennenlernen). In dieser “Einladung“ steht dann oft “Wir sind leider nur ein kleiner Verlag….“ Der Haken an der Sache ist aber, dass man demnach die Eintrittskarte selber kaufen soll, ebenso wie alles andere, wie An-, und Abreise, Unterkunft, etc. Wenn ein eingesessener Verlag einlädt, wird zum Beispiel ab Ankunft alles bezahlt – oder zumindest ab Betreten der Messehallen, darunter fällt dann auch Verpflegung usw. Gegen sogenannte “Kostenzuschussverlage“ ist in der Vergangenheit auch geklagt worden, und manche haben es sich zur Aufgabe gemacht, derartige Verlage anzuprangern.
Nicht wenige Autorinnen und Autoren greifen im Falle von zu vielen negativen Erfahrung mit Verlagen auf einen sogenannten “Selbstverlag“ zurück, weil das Verlagswesen ja sowieso korrupt ist, und die dortigen Lektoren alles durch einen Tunnel betrachten. Dies bedeutet nicht die Gründung eines eigenen Verlages, sondern es gibt Verlage, die es bekannten wie unbekannten Autorinnen und Autoren ermöglichen, ein Manuskript dort einzusenden, welches dann auf rechtliche Inhalte wie strafrechtlich relevante Themen geprüft und bei Rechtsfreiheit eingestellt werden, und zwar mit Angabe einer eigenen ISBN-Nummer – man ist dann also als Selfpublisher. Häufig sind die “selbstverlegten“ Bücher ausschließlich PDF-Dateien, wie sie in sozialen Netzwerken häufig beliebig geteilt werden. Es gibt natürlich auch Bücher als Print-Ausgabe, also als Buch, mit richtigen Seiten zum Umblättern, mit Band und mit Cover – was natürlich alles extra kostet. Also auch hierbei muss man mit Selbstkosten von 2.000 Euro oder mehr rechnen. Namhafte Verlage bekommen pro Monat mehrere tausend Texte und Manuskripte zugesandt, in denen steht „Schaut mal, was ich kann“.

Viele Außenstehende, also Branchenfremde, setzen dies mit einstigen selbsternannten Herrschern aus der Vergangenheit wie auch aus der Gegenwart gleich, die sich selbst die Krone aufgesetzt haben, von Caligula, über Napoleon Bonaparte, Hitler, Stalin sowie in der Gegenwart Donald Trump und Kim Jong Un. Manche Selfpublisher äußern „Ich hab` doch schon so und so viele Bücher veröffentlicht.“ Abgesehen davon, ob die Aussage nun stimmt oder nicht: wenn eine Frau Joanne K.Rowling (Autorin der `Harry-Potter`-Bücher) oder ein Sir Stephen King sich so äußern, dann wirft das ganz andere Schatten voraus, als wenn eine unbekannte Person sowas sagt.
Man frage mal unsere Leserinnen und Leser, was die so beruflich machen. Am häufigsten werden Jobs und Berufe genannt, bei denen man sich zum Feierabend im Stehen die Schuhe binden kann. Viele Außenstehende sehen nur den Erfolg der Bücher, also die “Schlachtzahl“, danach erst die Inhalte. Für viele Außenstehende aus anderen Berufen ist das Schreiben eben keine Arbeit, sondern Phantasie, und Phantasie ist Spaß.
Das Selfpublishing ist längst nicht mehr nur eine Spinnerei frustrierter Schreiberlein. Der Selfpublisher-Verband, dem ich selbst als Mitglied angehöre, steht seit Jahre mit kleinen und großen Verlagen in Kontakt und hat inzwischen alljährlich einen eigenen Stand auf den Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt. Auch manche Autorinnen und Autoren, die längst durch die Verlagsarbeit bekannt geworden sind, publizieren teilweise noch immer als Selfpublisher, weil sie dadurch bekannt geworden sind.

Während wir zusätzlich zu unserem Broterwerb auch noch Zeit und Geld in die Werbung des eigenen Buches investieren, gehen die meisten Außenstehendem “nur“ ihrem Brotjob nach – in ihrer Freizeit bezahlen sie Geld für unsere Bücher und für unsere Lesungen, um vom Alltag abzuschalten, und nicht, um sich mit der Buchbranche zu beschäftigen. Und diejenigen tun genau das, was wir niemals tun dürfen: pauschalisieren. Denn diejenigen sind nicht unsere Geldgeber, sondern auch diejenigen, die sagen “Künstler und Autoren? Das sind Spinner“ – aber nur solange man unbekannt ist. Man sollte nicht versuchen, zu verändern, sondern sie nachhaltig so akzeptieren können, wie sie sind. Schließlich wollen wir nur ihr Bestes.

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