Ruhende Fische – Helden im Berufsalltag.

>>Polizei-Notruf?<<
>>Schlägerei…, Messer…, viel Blut!<<, ruft die Frau aufgeregt ins Telefon.
>>Wo ist das???<<

>>(Abschluss): Bleiben Sie, wo Sie sind, wir sind zu Ihnen unterwegs!<<

Ab dann ist Korrespondenz mit Rettungsdiensten wichtig. Manchmal ist auch Gefahr unmittelbar bevorstehend, dann hat die anrufende Person weitere Priorität. Die bedienstete Person, die den Anruf entgegengenommen hat, betreut die anrufende Person, eine andere koordiniert den Einsatz mit erfahrungsgemäß drei bis vier Streifenwagen, es könnten auch Gaffer dabei stehen. Vorsorglich noch den Notarzt anfordern.

Man sitzt im Fahrzeug und wei0 erst mal genauso viel, wie die Kolleginnen und Kollegen der Leitstelle übermittelt haben: wenig bis nichts. Schlägerei, Messer, viel Blut. Jeder Mensch nimmt viel und wenig unterschiedlich wahr – einen Tisch mit zehn bis zwanzig gewöhnlichen Bluttropfen würden manche als “viel Blut” bezeichnen, andere würden es einfach bedenkenklos wegwischen. Aber wie viel ist “gewöhnlich viel”?
Oder sind bei der Schlägerei gar Arterien verletzt worden? Wie viele Beteiligte? Liegt etwa jemand im Sterben? Sind Schwächere beteiligt?

In Zeiten, in denen der Mann noch alleine von seinem Gehalt seine Familie ernähren konnte, und die Frau noch nicht einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstelle nachgehen konnte, sagte so mancher Mann “Na und? Hin und wieder bekommt sie mal eine gewischt, dann funktioniert alles wieder.” Mit “eine gewischt” war damals mindestens eine Ohrfeige gemeint – danach gab es es eine Versöhnung (meist am Sonntag), die Kinder durften dann auch mal bei einem Schulfreund übernachten, und am Sonntag vielleicht auch ins Kino, und jeder Montag war ein neuer Wochenanfang.

Während man damals in den meisten Jobs von Montag bis Freitag gearbeitet hatte, wissen manche Arbeitnehmer heute nicht, ob sie morgen überhaupt noch Arbeit haben werden. Und in manchen Jobs hat man quasi ein doppeltes Wochenende, weil man danach zehn Tage am Stück arbeiten muss. Seit 1978 darf auch die Frau in Vollzeit arbeiten – heutzutage sind viele Haushalte aus finanziellen Gründen gezwungen, gemeinsam zu arbeiten, damit man entweder über die Runden kommt oder sich und der Familie auch mal was leisten zu können.
Dass einst nicht jeder Mann seinen ehelichen- und väterlichen Pflichten nachgekommen ist, wurde meist verschwiegen, es gab ja keine andere Möglichkeit – alles lief automatisiert. Einer Frau stehen heute rechtlich viel mehr Rechte zu. Frau will gleichwertig behandelt und angesehen werden, damit werden viele Männer anscheinend nicht fertig. “Zack, dann bekommt sie halt mal eine” funktioniert längst nicht mehr.
Gibt es auch Frauen, die es darauf anlegen, dass der Mann handgreiflich wird und so rechtliche Grenzen überschreitet? Viele von uns wissen, dass es auch solche Frauen gibt – die Gründe dafür liegen oft in der Vergangenheit, man kann niemandem in den Kopf sehen. Aber wehe, man unterstellt als Mann seiner Partnerin, dass sie provoziert – dann soll er (Neudeutsch) “die Eier haben” und ebenso weglaufen, wie er einst den ersten Schritt auf die Frau zugemacht hat. Trennt er sich von ihr, wird er von manchen belächelt. Überlässt er diesen Schritt der Frau, wird er auch belächelt.

Wir sitzen immer noch in unserem Fahrzeug auf dem Weg zum Einsatz. In welcher Art von Fahrzeug? Rettungswagen, Polizeistreife…, kommt auf dasselbe raus: man versucht, die wenigen Informationen, die man von der Leitstelle erhalten hat, zu einem Puzzle zusammenzusetzen. Vieles passt aber noch nicht. Man macht sich aber trotzdem ein Bild. Kopfkino pur.
Manche Außenstehende trauen sich nicht, den Notruf abzusetzen, aus Angst, den Einsatz beztahlen zu müssen. Im Berufsalltag geht man mmer erst mal vom schlimmsten Fall aus, kombiniert mit vergangenen Einsätzen. Am Einsatzort stellt sich heraus, dass es doch nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Meist benötigt man eine kleine Verschnaufpause, um das Adrenalin, das ins Blut geschossen wurde, wieder raus zu bekommen. Und beim nächsten Einsatz, der manchmal wenige Minuten später folgt, kann alles genau anders herum sein: man hat von Nachbarn viel Vlut beschrieben bekommen, am Telefon ist im Hintergrund nichts zu hören, und am Einsatzort ist jemand mit einem Messer malträtiert worden.

Wie in jedem “gewöhnlichen” Job haben auch Bedienstete von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, Pflegeberufen und medizinischen Berufen wie auch in der privaten Sicherheitsbranche eigene Erfahrungen, von denen die meisten zu einem Ganzen komprimiert sind – das gehört zum Eigenschutz, um seinen Beruf als Hefer länger ausüben zu können. Auch dabei ist jeder Mensch unterschiedlich gestrickt: jeder Mensch verarbeitet eben individuell. Immer im richtigen Moment ideal reagieren zu können, funktioniert deshalb leider nicht.
Idealerweise sind Menschen in ihrem Helferberuf ein ruhender Fisch am Grund. Fische müssen immer in Bewegung bleiben, damit sauerstoffreiches Wasser durch die Kiemen gepumpt werden kann, aber sie schlafen nie. Fische liegen nicht auf der Seite, sie schwimmen auf der Seite – und zwar ausschließlich tot. Idealerweise sind Menschen in Helferberufen ruhende Fische.

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